Custom-Gitarren von Fender und Gibson - Die Wiederkehr einer alten Tradition

on Donnerstag, 19 März 2015. Posted in E-Gitarre

Gibson Custom E-Gitarre
Gitarren aus den Custom-Shops von Fender oder Gibson gelten für viele als das Maß aller Dinge. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff „Custom-Shop“ und woher kommt die Begeisterung? Um dies wirklich zu verstehen, müssen wir in die Vergangenheit reisen.

Am Anfang war alles custom …

Gibson Custom E-GitarreBevor der Bau von Gitarren zu einer eigenständigen Industrie wurde, gab es eine Vielzahl kleiner „Zupfinstrumentenbauer". Wollte man eine Gitarre haben, ging man dort hin und ließ sich das gewünschte Instrument auf den Leib schneidern (oder kaufte eine bereits fertige Gitarre, die dort herumstand). Somit war jedes Instrument ein Unikat. Auch Firmen wie Fender oder Gibson begannen sehr klein und gerade Leo Fender war dafür bekannt, seine Prototypen an Musiker zu verleihen, die sie dann auf der Bühne testeten und ihm Feedback gaben, was ihm wiederum half, seine Schöpfungen zu verbessern. Wollte man ein Instrument haben, das vom regulären Programm abwich, so war dies kein Problem. Die ersten Fender-Gitarren wurden noch vom Autolackierer mit Farbe versehen und dem dürfte es egal gewesen sein, zu welchem Farbtopf er griff.

Als aus Gitarrenherstellern große Konzerne wurden, war dies nicht mehr so einfach. Man ging in den Musikladen und suchte sich sein Instrument aus der Auslage oder dem Herstellerkatalog aus. Der direkte Kontakt fiel weg und damit auch die Möglichkeit, individuelle Wünsche umzusetzen. Ein Customshop greift nun genau dies wieder auf: Man hat direkten Kontakt zum Hersteller und kann sich seine Wünsche erfüllen lassen. So kursiert die Geschichte, dass Robert Cray den Fender-Mitarbeitern beim Gespräch über die gewünschte Lackierung sein T-Shirt in die Hand drückte und sagte: „Diese Farbe will ich haben". Im Prinzip ist ein Customshop ein vom Werk abgekoppelter Kleinbetrieb, der alles genauso macht wie früher, womit wir beim zweiten Grund für den Erfolg wären:

„Früher war alles besser."

Gibson Custom E-GitarreIm Bereich der elektrischen Gitarren gelten die 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts als goldene Ära. Die Gitarrenhersteller „gehörten sich noch selbst" und gingen mit viel Idealismus und Hingabe ihrer Tätigkeit nach. Als sie später von branchenfremden Konzernen übernommen wurden, legten sie zwar ein gewaltiges Wachstum hin, aber „das kann man doch billiger machen" war der Qualität der Gitarren nicht gerade förderlich. Dies ist mittlerweile zum Glück wieder anders, doch während der Siebziger- und Achtzigerjahre galt meist: „Wenn Du eine tolle Fender oder Gibson haben willst, musst Du Dir eine Gebrauchte aus den Fünfzigern oder frühen Sechzigern holen." Dies führte irgendwann zu einer Preisexplosion der gebrauchten Gitarren aus dieser Ära, die dafür sorgte, dass man die „echte Fender" als Normalsterblicher nicht mehr bezahlen konnte. Daneben fielen Klassiker wie die Gibson Les Paul Standard Anfang der Sechziger Jahre komplett aus dem Programm und wurden erst viel später wieder in die Produktion aufgenommen. Apropos Klassiker: Ein großer Teil der heute legendären E-Gitarren erblickte zwischen 1952 und 1959 das Licht der Welt. Beispiele gefällig?

  • 1951 - Gibson ES-5 Switchmaster
  • 1952 - Fender Telecaster, Gibson Les Paul und ES-295
  • 1954 - Fender Stratocaster
  • 1957 - Gibson Les Paul Goldtop mit PAF-Tonabnehmern
  • 1958 - Gibson ES 335
  • 1959 - Gibson Les Paul Standard Sunburst und Epiphone Sheraton

 Sowie weitere Klassiker wie die Gretsch Duojet und 6120 (das Chet-Atkins-Modell), die bis heute als „Standardwaffen" im Rockabilly gelten.

Fender Custom E-GitarrenManche dieser Gitarren sind heute nicht mehr regulär erhältlich und kommen gelegentlich als kleine Sonderauflagen aus einem Customshop in die Läden (oder werden dort auf Bestellung gebaut). Andere, wie die Fender Stratocaster oder Gibson Les Paul sind bis heute im Programm, wurden aber im Lauf der Jahrzehnte immer wieder mal überarbeitet, was zwar zu technischen Verbesserungen führte, aber eben nichts hilft, wenn man das „Original" haben möchte. Eine Stratocaster, wie sie Jimi Hendrix gespielt hat. Oder Ritchie Blackmore ... Hank Marvin ... Die Liste ist lang und auch die Anhänger von Gibson schwärmen in den höchsten Tönen von legendären Modellen wie der Les Paul Standard von 1959, die nicht nur Eric Clapton auf dem legendären Bluesbreakers-Album verwendete, sondern auch auf den Klassikern von Gary Moore, Guns´n Roses, ZZ Top, Peter Green und vielen weiteren zu hören ist. Da man für den Wert einer gebrauchten Stratocaster aus den Fünfzigern mittlerweile ein schönes Auto bekommt (bei einer 59ér Les Paul dürfte es für mindestens ein schönes Haus reichen), sind die Originale mittlerweile für Otto Normalgitarrenspieler nicht mehr zu haben. Auch hier zeigt sich der Wert der Customshops. So kann man dort eine originalgetreue Replika einer alten Les Paul aus den wilden Fünzigern im Gitarren Shop zu einem Preis erwerben, der zwar deutlich über der China-Kopie liegt, dem heiß begehrten Original aber so nahe kommt, wie es nur irgendwie möglich ist. Eine Fender Stratocaster von 1956 gefällig? Vielleicht mit ein paar Kratzern und Dellen, damit sie auch authentisch wirkt? Tatsächlich ist im Prinzip alles möglich, was das Herz begehrt. Ein weiterer Faktor ist, dass in Customshops wirklich noch so gearbeitet wird „wie früher". Sprich: Es wird von Hand gebaut, verdrahtet und lackiert. So stehen die Custom-Gitarren von Fender und Gibson nicht nur für Individualität, sondern auch allerhöchste Handwerkskunst, die sich zwar preislich von den ohnehin schon sehr guten Serienmodellen abhebt, aber den Aufpreis auf jeden Fall wert ist.

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